Gastronomischer Umbruch im Wedding – Gourmanderie im Centre Français

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Gastronomischer Umbruch im Wedding

Restaurant Gourmanderie im Centre Français

Früher, so in den berüchtigten Nullerjahren, war an der Tor- oder Invalidenstraße sozusagen mit der Küche Schluss. Nördlich der Invalidenstraße gab es mehr oder weniger engagierte Bistros oder kleinere Restaurants wie das L’Escargot in der Brüsseler Straße. Das Bistro im Centre Français schwankte in der Qualität, versprach aber immer einen etwas rustikalen Hauch Frankreich. Durch Zufall kamen ein Freund und ich Mitte Oktober nach längerer Zeit wieder einmal ins Bistro. Ein Umbruch.

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Was war passiert? Vielleicht muss man eher fragen, was gerade im Wedding passiert. In der Gerichtstraße eröffnete im August ein kleines Restaurant, das ich in den ersten Wochen mit den Metalljalousien für ein wenig Vertrauen weckendes Etablissement hielt. Eine Spielhölle? Noch im letzten Jahr war ein türkischer Heimatverein in den Räumen einer Alt-Berliner Stehkneipe. „ernst“ steht an der Klingel und sonntags kann man hoch ambitionierte Jungköche bei der Menu-Vorbereitung für 12 Personen an einem Tresentisch sehen. Sonst sind die Metallgardinen – alles Design – vorgezogen. Ein Hamburger Freund hat bereits im September in der Zeitschrift Effilee, „Deutschlands intelligentes Foodmagazin“, vom „ernst“ gelesen. Kurz, es übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten.

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Natürlich ist das „ernst“ schräg gegenüber vom silent green Kulturquartier, dem ehemaligen Krematorium Wedding, ein ganz anderes Konzept als die „Gourmanderie“, dt. in etwa Schlemmerei, in der Müllerstraße 74. Doch das erklärt noch keinen Umbruch und Qualitätssprung. Kürzlich wurde ich nun zu einem Menu Noël mit Weinbegleitung in die „Gourmanderie“ eingeladen. Das Lokal war an dem Abend gut besucht. Doch die Müllerstraße auf Höhe der U-Bahnstation Rehberge (U 6) ist nun absolut keine Laufgegend. Im Centre gibt es ein Hotel und ein kleines Kino. Alles im 50er-Jahre-Charme mit kleinen Einbrüchen der Siebziger. Schon beim Besuch im Oktober war uns aufgefallen, dass einige französische Gäste hier zu Abend aßen. Aus dem Hotel? Ein Geheimtipp?

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Nun, beim Menu Noēl mit Gruß aus der Küche und 6 Gängen liefen der Service und die Küche zur Höchstform auf. Reibungslos wurde jeder Gang auf den Punkt serviert. Die Grundnote orientiert sich am Kapaun. Gut, in Berlin gehört der kastrierte Masthahn nicht unbedingt zur Allgemeinbildung. Gibt es, wenn überhaupt nur in ausgewählten Geschäften und Restaurants. Le chapon ist schon sehr französisch und eher ländlich. „Toast aux abats de chapon sur crème d’artichaut, salade frisé vinaigrette à huile de truffe.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, doch ein wenig hat mich die Komposition an die Küche des Elsass erinnert. Claude Trendel, so der Name des Chefs, will sich offenbar nicht festlegen.

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Eric Belle organisiert den Service und engagiert sich als leidenschaftlicher Sommelier. Für jeden Gang hatte er einen besonderen Wein ausgewählt, malte mit den Armen die Lagen links und rechts der Loire z.B. nach, erläuterte die Blume und empfahl zur Käseplatte – „Formages au lait cru de Maîre  Phillippe et filles“ – erfolgreich einen Domaine de Cabarrouy Jurancon „Cuvée Passerillage“ 2011. Wie aber kommen derartige Kenner und Fachkräfte in den, nun ja, immer noch wilden Wedding oberhalb der Liverpooler Straße?

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Der Hamburger Freund protestiert, als ich sage: „Der Wedding ist das neue Charlottenburg.“ Naja, ist auch eher ironisch gemeint. Doch das Team um Claude Trendel kommt sozusagen tatsächlich aus Charlottenburg. Ob ich den Namen des Charlottenburger Restaurants richtig verstanden habe, als ich Eric nach dem mysteriösen Umbruch im Bistro des Centre Français fragte, weiß ich nicht. Jedenfalls sind Claude Trendel und sein Team nun seit knapp einem Jahr an der Müllerstraße. Vielleicht war das erst einmal ein Schock. Doch in einigen Lagen in Charlottenburg werden sich die Mieten wohl noch schockierender entwickeln.

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Résumé? Parfait! Über die eine oder andere Note und die Reife des Camembert wird man immer streiten können. Vielleicht ist auch nicht jeder von einer „Clémentine rôtie aux épices sur biscuit roulé à la cème de marron, sauce au whisky“ begeistert, doch wenn eine Mandarine auf einmal wirklich aromatisch und intensiv schmeckt, dann ist das absolut Kochkunst. Jedenfalls bietet die Gourmanderie ein fast schon sensationelles Preis-Leistungs-Verhältnis, was natürlich mit dem Wedding, der eben nicht Charlottenburg ist, zu tun hat.

Torsten Flüh

https://restaurant-gourmanderie.de

2 Gedanken zu “Gastronomischer Umbruch im Wedding – Gourmanderie im Centre Français

  1. Sehr schön geschrieben und passt ausgezeichnet (Ich war auch Teilnehmer dieses Menu Noël). Und (ich kann es halt nicht lassen) lieber Torsten, das Trema (für Noël) erreicht man mit Alt-Taste (gedrückt halten) und dann der Zahleneingabe 0235 (also ALT&0235 liefert ë). Herzlichst!

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